last update feb2011
 
 
 
 
 

Eröffnungsrede 

 

Maria Gessler, Journalistin

Vorstandsmitglied von FRAGILE Suisse (Schweizerische Vereinigung für hirnverletzte Menschen)

 

Liebe Gäste

Mensch sein bedeutet unter anderem, in einem ständigen Zwiespalt zu leben. Wir leben im Wechsel zwischen unseren persönlichen Innenräumen und der Welt um uns herum. Manchmal fällt uns das so leicht, dass wir gar nichts von diesem Hin und Her merken. Ebenso oft spüren wir jedoch die Grenze zwischen dem Ich und der Welt als Bruch, als Abgrund oder als Kante, an der wir uns die Seele wund reiben.

Gerade dort reagieren wir besonders empfindlich, sind wachsam, weil wir verletzlich sind, dort im "Dazwischen" - nicht ganz draussen in der Welt, nicht ganz bei uns selbst. Doch gerade dort, wo der Druck von beiden Seiten und die Angst davor, ohne eigenen Ort zu sein, gross sind, gerade von dort wachsen wir entweder ein Stück in die Welt hinein oder in entgegengesetzter Richtung näher an unser eigenes Wesen heran. Dieser Wachstumsprozess geschieht manchmal leicht und selbstverständlich, und manchmal tut er weh.

Das Schwierige dabei ist, dass wir für dieses ganz feine Geschehen in uns keine allgemeinverstän-dliche Sprache haben, ja, oft nicht einmal einzelne Wörter, um uns mitzuteilen.

Zu unserem Glück gibt es Menschen mit besonderen Gaben. Sie geben diesem Geschehen im "Dazwischen" einen für uns fassbaren Ausdruck. Mit Tönen, mit Farben, Metall, Holz, mit allen möglichen und scheinbar unmöglichen Materialien finden sie immer wieder neue Formen und Bedeutungsmuster.

Es hat immer solche Menschen gegeben, jetzt gerade heissen wir sie: "Künstlerin/Künstler". Wenn Sie an all die Diskussionen darüber denken, was "Kunst" denn eigentlich sei und bedeute, wird Ihnen sicher bewusst, dass nur mit Intelligenz und blosser Theorie gar nichts geklärt wird.

Die Künstlerinnen und Künstler lassen sich ganz direkt und praktisch auf einen Dialog ein mit dem Material, das sie bearbeiten. Sie horchen in sich hinein und lauschen hinaus in die Welt. Dabei suchen und finden sie Formen und Bedeutungen, die sie oft zuerst selber entziffern müssen.

Um diesen schöpferischen Prozess zu beschreiben, gibt es auch wieder kaum Wort und Sprache. Sicher ist, dass es manchmal lange dauert, bis er beendet ist und sich uns als Kunstwerk mitteilt. Dann stehen wir davor und fragen uns, was es wohl bedeute und ob wir es verstünden. Das tun wir wohl, aber auf einer anderen als der gewohnten Alltagsebene und auf andere Weise.

Zwischen der äusseren Form eines Kunstwerkes und seiner Bedeutung gibt es einen magischen Freiraum für unser eigenes künstlerisches Schaffen. Auch wenn wir vielleicht nicht die formenden Kräfte und Begabungen der Künstlerinnen und Künstler haben, sind wir doch in jedem Augenblick kreativ:

 

Wir gestalten unser Leben inwendig und draussen in der Welt, aber auch der Zwiespalt dazwischen.

Mit ihren Werken nehmen uns die Künstlerinnen und Künstler einen Teil dieser Lebensarbeit ab. Wenn wir uns auf einen Dialog einlassen mit ihren Werken, ihre Form- und Bedeutungssprache zu verstehen suchen, finden wir vielleicht unsere eigene Grammatik. Wir bekommen dabei auch Antworten auf Fragen aus unserem Inneren, von denen wir möglicherweise gar nicht gewusst haben, dass sie uns beschäftigen. Und so erfahren wir etwas über uns selbst und was für uns "weshalb" bedeutsam ist.

Sich auf einen Dialog mit Kunstwerken einlassen heisst, gewissermassen geistig und seelisch freihändig auf einer Kante zu balancieren. Und gleichzeitig Brücken bauen zwischen Innen und Aussen mit der Form- und Bedeutungssprache, die wir im " Zwischenland" lernen. Und auf einmal merken wir dann, dass dieser Bruch, dieser Abgrund, diese schmerzende Kante zwischen "Innen und Aussen", dieses "Dazwischen", sich gerade durch Kunst in all ihre Facetten verwandeln. Der schmerzliche Zwiespalt verschwindet allmählich und wir erleben uns selbst immer häufiger als ganz in uns und als ganz eingebettet in ein grösseres Ganzes.

Bei den Skulpturen von finden Sie den Einstieg in sein "Dazwischen" und in Ihr eigenes am ehesten im Spannungsfeld zwischen Innen und Aussen, nämlich den "Durchblicken", den Zwischenräumen und den Fugen.

Innen haben Edith und Roland fast im Verborgenen jahrelang geschafft und gewerkt. Ich sage absichtlich Schaffen und Werken, weil hinter dem sichtbaren künstlerischen Ausdruck auch viel kräfteraubende und geduldige Handarbeit steckt.

Im Aussen machen sie uns heute ein Geschenk: Wir haben das Privileg, als Erste die Werke als Gesamtheit zu erleben und zugleich dürfen wir assistieren bei der Eröffnung des atelier .

Aus dem Innersten der beiden kommt die besondere Form, in der sie ihr Werk präsentieren:

Das Gesamtwerk soll nicht durch den Verkauf einzelner Stücke auseinandergerissen werden, sondern als Wanderausstellung auf die unter allen Umständen unteilbare und unantastbare Ganzheit eines jeden menschlichen Lebens hinweisen.